In der Naturheilkunde zählt die Blutentziehung durch Egel zu den ausleitenden Humoralverfahren und kommt einem
„kleinen Aderlass“ gleich. Das Geheimnis des heilkräftigen Saugers liegt in seinem Speichel verborgen, der sich aus mehr
als 13 hochwirksamen Komponenten zusammensetzt. Der bekannteste Bestandteil ist das gerinnungshemmende Protein Hirudin. Die heutige
Schulmedizin verfügt über den chemisch hergestellten Wirkstoff Heparin, dessen Wirkweise dem des natürlichen Hirudin ähnelt. Der
Speichelcocktail des Blutegels wirkt also gerinnungs- und entzündungshemmend, beschleunigt den Lymphstrom, sorgt für Entstauung und
Entschlackung gestauter Entzündungsgebiete (z. B. bei Phlegmonen) und somit für Schmerzlinderung. Bedingt durch den Blutverlust - man
rechnet pro Egel, je nach Größe mit ungefähr 40 bis 60 ml Flüssigkeit inkl. Nachblutung - werden Staugebiete abgebaut und mit ihnen
Schlackenstoffe abgeleitet, was wiederum den Regenerationsprozess fördert. |
Im gewissen Sinne ist also die Blutegelbehandlung auch als Umstimmungstherapie anzusehen. Letztlich profitiert
der gesamte Organismus vom Zusammenspiel der Wirkstoffe und des lokalen Aderlasses. Ein weiterer, beachtenswerter Pluspunkt ist die
sehr gute Verträglichkeit mit anderen therapeutischen Maßnahmen. Die Anwendungsmöglichkeiten des Blutegels sind vielfältig.
Besonders bewährt hat sich diese Therapieform in der Pferdeheilkunde und hier im Bereich von Sehnen/Sehnenscheidenentzündungen, Phlegmonen, Furunkeln, Abszessen, Wulstnarben, Quetschungen, Blutergüssen, Satteldruck, Gelenksentzündungen, Gallen,
Gleichbeinlahmheit, Entzündungen des Fesselträgers und Arthrosen, um nur einige Beispiele zu nennen.
Bei Erkrankungen komplizierter gebauter Teile des Bewegungsapparates, wie beispielsweise die Hufrolle, empfiehlt es sich, die
Blutegelbehandlung mit einer anderen Therapieform zu kombinieren. Hier bieten sich aus naturheilkundlicher Sicht die klassische
Homöopathie und/oder Phytotherapie an. |
Trotz ihrer außerordentlichen Wirksamkeit sind Blutegel kein Allheilmittel! Sie sollten daher nur in
Indikationsbereichen eingesetzt werden, die sich bewährt haben. Sonst ist die Therapie wenig erfolgversprechend. Auch sind die
hilfreichen Co-Therapeuten nur bedingt zur Selbstmedikation geeignet. Einige Grundregeln sollten daher beachtet werden: |
 |
|
1. Blutegel NIE mit Gewalt abreißen!
2. Blutegel NIE mehrmals verwenden!
3. Blutungen NICHT vorzeitig unterbinden!
(Nachblutungen zwischen 7-12 Stunden sind erwünscht).
|
Die Blutegeltherapie darf nicht angewandt werden bei schwerer Anämie, Immunschwäche, Wundheilungsstörungen
und bei Pferden mit Hufrollenerkrankung, denen beispielsweise Aspirin oder andere blutgerinnungshemmende Medikamente verordnet
wurde. |
Wer mit Blutegeln arbeitet sollte wissen, dass Zeit ein wichtiger Faktor bei der Behandlung ist. Wie
alle Lebewesen sind auch Blutegel individuell verschieden und manchmal brauchen sie ein wenig Zuwendung und “Führung”
um sie an die Stelle zu bringen, wo sie gebraucht und wirksam werden sollen. Gerade die Haut an Pferdebeinen (besonders im Bereich
des Kronenrandes) bedeutet für die Egel Schwerstarbeit und manche tun sich da schwer. Aber mit einem bisschen Geduld und ein paar
kleinen Kniffen, lässt sich der heilkräftige Sauger meist schnell überzeugen. |
Übrigens tolerieren die meisten meiner tierischen Patienten die Blutegelbehandlung erstaunlich gelassen.
Ich persönlich sehe in diesem Verhalten den Beweis dafür, dass Egel weder ekelig noch schmerzhaft sind. |